Reim dich – oder lass es

Ich habe diese Woche etwas Unangenehmes gemacht: alte Texte gelesen und bei jeder Zeile gefragt – steht die hier, weil sie etwas sagt, oder weil sie sich reimt?
Angestoßen hat das ein Artikel bei Klangkost, der die Reimformen einmal durchsortiert: Paarreim, Kreuzreim, umarmender Reim. Hängen geblieben ist bei mir aber ein Nebensatz – dass das bewusste Brechen von Mustern einem Song Tiefe und Unvorhersehbarkeit geben kann. Denn dann ist ein Reimschema kein Schmuck, sondern Steuerung: Es baut Erwartung auf, und wer Erwartung aufbaut, entscheidet auch, ob er sie erfüllt oder enttäuscht. Mit diesem Blick bin ich durch meine eigenen Songs gegangen. Es war ernüchternd. Und lehrreich.
Der Reim, der die Zeile geschrieben hat
Fündig geworden bin ich in „Wunderschön" – ausgerechnet in dem Song, der mir inhaltlich am meisten bedeutet: „Denn aus der Asche erwächst eine neue Glut / Aus deinen Tränen wird Feuer alles wird gut". Das ist der Phönix aus der Asche, ein Bild, das vor mir schon jeder benutzt hat – und „alles wird gut" steht da, weil es sich auf „Glut" reimt. An dieser Stelle trägt der Reim den Text, nicht umgekehrt. Ich wusste es damals vermutlich sogar, so wie ich es bei solchen Zeilen immer irgendwie weiß.
Und dann die Stelle, an der ein Wort allein steht
Das Gegenbeispiel habe ich auch gefunden, in „Vier": „Und lüg euch ins Gesicht / Denn eigentlich freu ich mich / Nicht". Der Reim ist da, „Gesicht" und „Nicht" greifen ineinander – trotzdem steht das letzte Wort für sich, hinter der Zeile, in die es gehört hätte. Zwei Strophen später kommt dieselbe Stelle noch einmal, diesmal ohne jeden Reimpartner: „Ich sag ja ich bin echt glücklich / Doch glücklich bin ich meistens / Nicht". Beide Male fällt das Wort einfach. Genau deshalb glaubt man es.
Ich habe das damals einfach nach Gefühl gemacht. Als ich vor ein paar Wochen über Songstruktur geschrieben habe, war das noch schön – da hatte ich aus Versehen alles richtig gemacht. Diesmal eben nicht.
Ändern werde ich es nicht
Ich könnte versuchen, die Asche-Glut-Stelle neu zu schreiben. Erst die Aussage retten – du darfst weinen, das macht dich nicht kleiner –, dann schauen, ob ein Reim übrig bleibt. Herauskäme vermutlich etwas Unspektakuläreres, das ich so auch sagen würde.
Aber der Song ist nun mal, wie er ist. Den Klang von Prinzip Hoffnung habe ich neu gemacht, die Texte nicht – dazu ein andermal mehr. Die Stelle bleibt also stehen, mit ihrem geliehenen Feuer. Was ich ändern kann, sind die Songs, die noch nicht geschrieben sind.
Und für die nehme ich die vielleicht härteste und einfachste Reimregel mit, die mir aus dieser Woche geblieben ist: Jede Zeile braucht einen Grund, da zu sein. Der Reim ist keiner. Oder zumindest kein guter.



