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28. Juli 2026

Wer steht auf Platz eins?

Wer steht auf Platz eins? – EXE OF DOUBT Journal

Die Nachricht kam wie viele davor. Ein Kollektiv, große Worte, viele Emojis: Schick uns deinen besten Song, wir nehmen ihn in unsere Playlist auf. Egal ob menschgemacht, KI oder hybrid – bei uns zählt nicht das Etikett, sondern die Musik. Und ganz unten, in Großbuchstaben: teilen, teilen, teilen.

Ich gebe zu, dass ich sie zweimal gelesen habe. Der Reflex ist nach anderthalb Jahren immer noch da: Jemand will meine Musik. Erst danach habe ich die Playlist geöffnet. Auf Platz eins stand ein Song des Betreibers. Auf Platz vier auch. Weiter unten noch mal.

Der Test, der zwei Minuten dauert

Ich unterstelle solchen Angeboten nichts. Ich sehe nur zwei Dinge nach: wer ganz oben steht, und wer von der Bewegung profitiert, zu der da aufgerufen wird.

Die ersten Positionen einer Playlist sind kein Zufall. Dort landet der Blick, dort startet die Vorschau, dort beginnt jeder, der auf Play drückt. Wer sich selbst dorthin setzt und die eingereichten Songs weit unten einsortiert, kuratiert nicht. Er baut eine Empfehlung, die auf ihn selbst zeigt.

Geld verlangt dabei niemand, das stimmt. Verlangt wird etwas anderes: dass du teilst, folgst, weiterträgst, deine Leute mitbringst. Der Preis bist du.

Dasselbe in anderen Kostümen

Es bleibt selten bei der Playlist. Dieselbe Mechanik läuft als „Charts" und als „Radio", das rund um die Uhr sendet. Bevorzugt wird beide Male dasselbe: Die eigenen Songs stehen vorn, laufen häufiger und werden lauter beworben als das, was eingereicht wurde.

Playlist, Charts und Radio gehören in manchen Fällen sogar derselben Person. Ihr eigener Song steht deshalb an allen drei Stellen – nicht weil drei Leute ihn unabhängig voneinander ausgewählt hätten, sondern weil ein Account ihn dreimal selbst eingetragen hat. Von außen sieht das nach drei Urteilen aus. Drei Belege, eine Quelle.

Was mir an der Liste noch aufgefallen ist

Ich habe nach einem Namen gesucht. „Unsere Kuratoren", steht in der Bio, aber nirgends ein Mensch mit Gesicht, Geschmack und Verantwortung. Dafür eine genaue Anleitung, was ich mitschicken soll: Grafik fertig gestaltet, Text fertig geschrieben, Cover dabei. Wer eine Redaktion hat, macht das selbst, schon aus Eitelkeit.

Eingereicht werden darf immer wieder, auch von denen, die längst drinstehen. Abgelehnt wird nie. Kuratieren heißt aber ablehnen. Wer nie ablehnt, sammelt nur ein – und klingt am Ende wie diese Liste: Ambient, dahinter Hardstyle, dahinter Schlager.

Eine Zahl steht nirgends. Keine Hörerschaft, keine Reichweite, keine Auswahlkriterien, kein Zeitraum. Nur der Konjunktiv: vielleicht schon bald deiner.

Angezeigt wird sie trotzdem. Die Zahl der Follower steht über jeder Playlist, und hier ist sie kleiner als die Zahl der Songs darunter. Wer weit unten landet, wird also von niemandem gehört – nicht weil der Song schlecht wäre, sondern weil dort nie jemand ankommt. Der Platz ist echt. Er bringt nur nichts.

Was mich daran wirklich stört

Nicht der Eigennutz. Jeder bewirbt seine Musik, ich auch, dafür gibt es diese Seite hier. Wer eine Playlist mit eigenen Songs macht und sie so nennt, macht nichts falsch.

Es ist die Verkleidung. Aus Werbung wird eine Bühne, aus einem Account werden „Kuratoren", aus Eigenwerbung wird eine Bewegung, bei der ich dabei sein darf. Und es funktioniert am besten bei denen, die am wenigsten zu verschenken haben: bei Leuten, die anfangen und neu dabei sind. Bei denen niemand zuhört und die zum ersten Mal lesen, dass jemand ihre Musik gut findet. Im KI-Umfeld trifft das gerade besonders viele, weil dort fast alle neu sind und ohnehin das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen.

Ich nenne hier keinen Namen. Nicht aus Höflichkeit – es geht nicht um einen Account, es geht um ein Muster, das nächsten Monat unter einem anderen Namen wiederkommt. Wer die DM im Postfach hat, braucht die zwei Minuten für den Test und keinen Schuldigen von mir.

Einreichen kostet nichts, das ist wahr. Zuhören würde auch nichts kosten.

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