„Familienalbum Seite Sechs" – die Seite, die der Song nie aufschlägt

In der ersten Strophe blättere ich durch ein Fotoalbum. Seite sieben, Seite acht, Seite neun. Sechs kommt nicht vor. Der Song heißt trotzdem so.
Das ist die Idee hinter „Familienalbum Seite Sechs", und alles andere im Song hängt an dieser Seite.
Was auf den Seiten steht
Seite sieben ist warm und unverdächtig: „Familienalbum Seite sieben / Voll von Menschen die wir liebten." Das ist die Sorte Erinnerung, die ich Leuten zeige.
Seite acht kippt, und zwar härter, als ich es mir sonst erlaube: „Denn auf der Seite Nummer acht / Seh ich Gesichter die ich hass." Ich habe beim Schreiben überlegt, ob das zu grob ist. Es steht noch da, weil ein Familienalbum genau so funktioniert – die Guten und die, mit denen ich nicht mehr spreche, liegen im selben Buch, zwei Seiten auseinander.
Seite neun ist die Flucht nach vorn. Ein Strand, ein bisschen Träumen, „Bin jetzt schon bei Seite neun". Schnell weiterblättern ist auch eine Art, mit einem Album umzugehen.
Drei Seiten, drei Stimmungen. Und irgendwo liegt eine Seite, die im ganzen Text nie aufgeschlagen wird.
Das Bild, das die Arbeit macht
Die Auslassung ist der Song. Ich musste nicht erzählen, was auf Seite sechs ist – ich musste sie nur überspringen und den Titel darüberschreiben. Weil der Titel sie nennt, fällt sie auf, obwohl sie fehlt.
Beim Schreiben fühlt sich das zunächst feige an. Ich umgehe ja etwas. Erst beim Hören habe ich gemerkt, dass das Umgehen selbst die Aussage ist, weil ich es im Leben genauso mache. Die Seite wird nicht aufgeschlagen, sie wird umblättert, jedes Mal.
In den Strophen kommt deshalb kein einziges Mal Trauer vor, kein Verlust, keine Lücke. Da steht ein Buch auf einem Tisch und jemand, der blättert. Ich erkläre auch nie, was genau auf dieser Seite zu sehen wäre. Das überlasse ich der Fantasie jedes einzelnen Hörers.
Der Refrain ist die offene Tür
Und dann sagt der Refrain alles geradeaus: „Das Schöne sieht man immer danach." Kein Bild, keine Auslassung, ein Satz, den jeder sofort versteht.
Das war von Beginn an mein Ziel. Wenn die Strophen verschlossen sind, braucht der Song eine Stelle, an der du reinkommst – und zwar ohne Vorwissen, ohne Deutung, ohne meine Geschichte zu kennen. Der Refrain ist diese Stelle. Er soll eingängig sein, er soll mitgesungen werden, und er soll für dich genauso gelten wie für mich.
Das ist auch keine Verwässerung des Bildes, sondern seine Voraussetzung. Der Refrain sagt, dass etwas zu spät erkannt wird. Was genau, bleibt bei den Strophen, und die geben es nicht heraus.
Was ist deine Seite sechs?
Genau da soll der Song arbeiten. Er erzählt nicht, was auf Seite sechs ist – er lässt die Frage stehen, und jeder beantwortet sie sich selbst. Habe ich auch so eine Seite? Welche wäre das? Bei wem im Album blättere ich schneller weiter, ohne es mir einzugestehen?
Wenn du beim Hören an deine eigene denkst statt an meine, macht der Song das, wofür ich ihn geschrieben habe.
Der Tag, an dem das Blättern nicht klappt
Die zweite Strophe geht dann näher ran. Ein Geräusch, erst dumpf, dann laut. Ein Handy, das in blauem Licht vibriert und an ein Datum erinnert. Danach steht jemand an einem Grab, mit Geschichten im Gepäck, und fährt wieder nach Hause.
Die Zeile, die mir davon am nächsten geht, ist nicht die traurigste, sondern die unangenehmste: „Fast hätt ich dich vergessen."
Das ist der Punkt, an dem der Song ehrlicher wird, als ich es geplant hatte. Nicht die Trauer ist das Thema, sondern ihr Nachlassen nach vielen Jahren. Dass die Seite von allein zuklappt, wenn ich sie lange genug nicht aufschlage – und dass sich am Ende ein Handy erinnert und nicht ich.
Ist das Thema neu?
Nein, neu ist das Thema nicht. „Ich kann dich sehen" auf Prinzip Hoffnung ist ein Nachruf mit Namen drin, und in „Vier" steht die Zeile „Und schon vier Jahre älter / Als du es jemals warst". Beide sprechen die Person direkt an.
„Familienalbum Seite Sechs" macht das Gegenteil: Es spricht über das Drumherum und lässt die Mitte frei. Ob auf Seite sechs dieselbe Person steht wie in den anderen beiden Songs, lasse ich hier offen. Der Song beantwortet es auch nicht.
Der Song endet, wie er anfängt: beim Album. Es klappt wieder zu, sieben, acht und neun sind erzählt, sechs nicht. Wie es weitergeht, steht schon nach dem Grabbesuch: „Machs gut bis nächstes Jahr."



