Zurück zum Journal
2. Oktober 2026

„Aber wo ist der punchy Beat?" – ich habe mein Problem längst vertont

„Aber wo ist der punchy Beat?" – ich habe mein Problem längst vertont – EXE OF DOUBT Journal

Es gibt eine Zeile in „Genau du", die im Februar auf Gedankenwelt erschienen ist und die mich jetzt auslacht:

„Ja der Song war ganz schön deep / Aber wo ist der punchy Beat"

Ich habe das damals als Satire gemeint. Als Blick auf eine Szene, in der laute Beats mehr zählen als das, was drübersteht. Inzwischen lese ich die Zeile anders. Sie beschreibt nicht die anderen. Sie beschreibt, was ich seit Monaten mit mir selbst mache.

Was im Februar schon dastand

Genau du ist Track elf auf Gedankenwelt. Der Song stellt eine einzige Frage: Haben ehrliche Texte überhaupt noch eine Chance, oder gewinnt am Ende nur, wer laut ist. Die Antwort steht ziemlich nüchtern im Text — „Sei bitte nicht traurig / Denn wer laut ist gewinnt".

Sechs Wochen davor, im Januar, kam Asoziale Medien als Single. Da geht es um die andere Seite derselben Sache: um Gemeinschaft, die nur so lange hält, wie man mitmacht. „Es ist alles Fassade / Es ist alles nur Show / Niemand kennt dich wirklich / Niemand hier ist Bro."

Zwei Songs aus demselben Winter, beide über Aufmerksamkeit und was sie mit Leuten macht. Ich habe sie geschrieben, veröffentlicht, Clips daraus geschnitten und bin dann selbst genau dort hineingelaufen.

Die unbequeme Stelle

Denn ich habe in „Genau du" über eine Szene geschrieben, als stünde ich daneben. Der Beobachter, der sieht, wie es läuft, und nicht mitmacht. Das war schon beim Schreiben nicht ganz ehrlich, und heute ist es offensichtlich falsch.

Ich habe im Sommer ernsthaft überlegt, ob ich lauter werden muss. Ob ich provokanter auftreten müsste, zugespitzter, in der ersten Sekunde härter. Und das Bittere daran: Die Zahlen geben dem sogar recht. Mein mit Abstand erfolgreichstes Video war eine steile Behauptung im ersten Frame, kein Song.

Ich habe also selbst geschrieben, dass gewinnt, wer laut ist. Ein paar Monate später habe ich überlegt, ob ich auch so laut sein kann.

Warum ich es trotzdem nicht werde

Nicht, weil laute Leute etwas falsch machen. Manche von ihnen sind gut in dem, was sie tun, und ich habe kein Interesse daran, das schlechtzureden, nur weil es bei mir nicht zieht.

Sondern weil ich es nicht kann, ohne dass es peinlich wird. Ich bin eher der Leise vom Dorf und schreibe über Therapie und Gedanken. Wenn ich plötzlich provokant auftrete, merkt jeder sofort, dass das nicht zu mir passt. Mehr Reichweite bringt mir das nicht, ich wirke dann nur weniger glaubwürdig. Zwei meiner Songs handeln davon, wie schlecht das ausgeht. Da wäre es ziemlich absurd, es selbst zu versuchen.

Bleibt die Frage, was übrig ist, wenn Lautwerden ausfällt und Stillsein nicht funktioniert.

Was ich aus dem eigenen Katalog mitnehme

In „Genau du" gibt es eine Zeile, die ich beim Schreiben für die freundlichste gehalten habe und die jetzt für mich selbst gilt: „Vielleicht fehlst genau du / Hier im inneren Kreis."

Geschrieben habe ich das für andere. Für Leute, die etwas zu sagen haben und trotzdem untergehen, weil ihnen ein Abo fehlt. Jetzt lese ich die Zeile so, als wäre sie an mich gerichtet. Getröstet fühle ich mich davon nicht, aber ich weiß jetzt, woran ich mich halten kann. Wenn mich etwas von anderen unterscheidet, dann dass ich ehrlich schreibe. Also mache ich damit weiter.

Was das praktisch heißt, weiß ich noch nicht genau. Lauter werden heißt es jedenfalls nicht. Komisch ist nur, dass das schon in zwei Songs steht, die über ein halbes Jahr alt sind.

Auf TikTok folgen für mehr