„Vier" – der Song, der am dichtesten an mir dran ist

Es gibt Songs, hinter denen ich mich verstecken kann, weil sie Geschichten erzählen. „Vier" ist keiner davon. „Vier" ist mein Leben mit 40, kaum verkleidet – und ich habe vor keiner anderen Veröffentlichung so gezögert wie vor dieser.
Der Typ vom Dorf
Der Song fängt harmlos an: „Ich bin der Typ vom Dorf und ich bin hier gern / Denn ich liebe Ruhe und ich hasse Lärm". Das ist keine Kulisse, das ist mein Alltag. Und genau dieser Widerspruch war der Ausgangspunkt des Textes: außen ein Dorf wie auf einer Postkarte, innen Lärm. „Von außen alles gut doch innen oft am Spinnen" – die Zeile stand früh fest, weil sie der ehrlichste Satz war, den ich über diese Zeit sagen konnte. Das Postkartenbild lügt nicht absichtlich. Es zeigt nur nichts von dem, was zählt.
Therapie beim Namen nennen
„Am Ende fuhr ich wöchentlich zur Therapie" – diese Zeile hätte ich in jedem früheren Song in ein Bild verpackt. Dunkle Räume, Dämonen, irgendein Nebel. Metaphern sind sicher, denn Metaphern kann man abstreiten. Wer „Therapie" singt, kann nichts mehr abstreiten.
Ich habe die Zeile trotzdem so gelassen, und das war die schwerste Entscheidung an diesem Text. Nicht wegen der Leute, die mich nicht kennen – wegen derer, die mich kennen. Am Ende blieb sie drin, weil der ganze Song sonst nicht funktioniert hätte: Der Refrain sagt „Ich hab Probleme die keiner sieht / Ich hab Probleme die es gar nicht gibt". Die zweite Zeile ist die wichtigere. Dieser Zweifel, ob die eigenen Probleme überhaupt zählen dürfen, wenn doch von außen alles gut aussieht – der lässt sich nicht glaubwürdig besingen, wenn man gleichzeitig alles Konkrete wegretuschiert.
Was die Vier alles trägt
Erst beim Schreiben habe ich gemerkt, wie viel die Zahl im Titel aushält. Die Vier steht auf dem Geburtstagskuchen. Sie steckt in „dankbar für uns vier", meiner Familie, die mich hält. Und sie steht in der Zeile, die mir am schwersten fällt: „Und schon vier Jahre älter / Als du es jemals warst" – für den Freund, der nicht mehr da ist und der in meinen Songs immer wieder auftaucht. Drei Bedeutungen, ein Wort. Das war nicht geplant. Aber ich glaube inzwischen, dass solche Verdichtungen genau dann passieren, wenn man nah genug an der Wahrheit schreibt – planen kann man sie nicht.
Was ich heute anders höre
Der Song macht vieles von dem richtig, was ich mir sonst vornehmen muss: Er ist konkret. Kuchen, Kerzen, stiller Applaus – keine austauschbaren Gefühlswörter, sondern Dinge, die man sehen kann. An anderen Stellen erklärt er mir heute zu viel; ein paar Zeilen sagen aus, was die Bilder daneben längst gezeigt haben. Wenn ich ihn heute schriebe, würde ich den Bildern mehr zutrauen und zwei, drei erklärende Zeilen streichen.
Mit 40 dachte ich, ich müsste Antworten haben. „Vier" ist das Eingeständnis, dass ich stattdessen Fragen aufgeschrieben habe. Von allem, was ich bisher veröffentlicht habe, ist es das Ehrlichste – vielleicht gerade, weil auf dem Kuchen Herzen drauf sind und ich trotzdem frage, wann meine Kerze ausgeht. Falls du den Song noch nicht kennst: Hier ist er.



