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19. September 2026

Views, Follower – und was ich daraus falsch gelesen habe

Views, Follower – und was ich daraus falsch gelesen habe – EXE OF DOUBT Journal

Ich schaue seit Monaten fast jeden Tag auf Zahlen. Ich habe nur lange nicht gefragt, welche davon überhaupt etwas über meine Musik sagen.

Die Zahl, an der ich hing

Views. Ich habe jeden Morgen Views angeschaut, und Views sind ungefähr die nutzloseste Zahl, die mir zur Verfügung steht.

Denn was tatsächlich passiert ist: Neun von zehn Views kamen über die Für-dich-Seite. TikTok hat jedes Video großzügig getestet. Und dann sahen die Leute von meinen Songclips vielleicht 10 Prozent. Nach ein bis zwei Sekunden waren sie weg. Ein Video von 20 Sekunden Länge wurde nach durchschnittlich 3 Sekunden weggewischt.

Das ist kein Reichweitenproblem. Das ist ein Problem mit dem ersten Frame. Und ich habe monatelang an der falschen Stelle geschraubt — an Hashtags, an Uhrzeiten, an Songauswahl — während die Antwort in der ersten Sekunde lag.

Womit ich mich selbst beruhigt habe

Likes. 5 Prozent Like-Rate klingt ordentlich, und ich habe sie gelesen wie ein Qualitätsurteil. Sie ist keins. Sie hängt an den Views, nicht an den Zuschauern. Bei 3 Sekunden durchschnittlicher Wiedergabezeit heißt eine gute Like-Rate nur: Die wenigen, die geblieben sind, fanden es gut. Die Masse war längst weg.

Die Like-Rate war über Monate mein Trost. Sie sah gut aus, also habe ich nicht weiter nachgefragt.

Das eine Video, das anders lief

Eins hat funktioniert. Es hatte im ersten Frame einen lesbaren Satz, dem man widersprechen kann: „KI-Musik tötet echte Kunst." Siebenundvierzig Prozent blieben dran. Es lief sieben Tage, statt nach einem zu sterben, und hat allein mehr Views geholt als vier andere zusammen.

Ich mag diese Erkenntnis nicht besonders. Sie sagt, dass eine These im Bild mehr bewirkt als jeder Song, den ich darunterlege. Aber sie ist eindeutig, und ich wollte nie ein Projekt sein, das die unbequeme Wahrheit schönredet.

Die zweite Zahl

Und dann Spotify. Null algorithmische Streams. Null redaktionelle. Nichts aus Discover Weekly, nichts aus Radio, nichts aus einer Redaktion. 53 Prozent aller Streams kamen aus einer einzigen fremden Playlist, die jemand anders betreibt — 500 Hörer, davon neun, die einen Song gespeichert haben.

Der Release Radar geht automatisch an alle Follower. 75 Follower sind 75 erreichte Menschen am Erscheinungstag. Das erklärt, warum ein Release bei zwanzig bis achtzig Streams anfängt, egal wie lange ich daran gesessen habe.

Zwischen den beiden Welten gibt es fast keine Brücke. Über 800 Follower auf TikTok, und auf Spotify bewegt sich kaum etwas. Wer ein Video mag, folgt mir dort, wo er es gesehen hat. Den Schritt in eine andere App, zum ganzen Song, macht kaum jemand. Auf TikTok ist ein Clip vorbei, sobald man weiterwischt – dass es dazu einen Song gibt, den man speichern könnte, kommt gar nicht erst an.

Was das mit mir gemacht hat

Das Ärgerliche daran ist, dass ich mich von diesen Zahlen habe bewerten lassen.

Ein Video läuft schlecht, und ich frage mich nicht, ob der erste Frame taugte — ich frage mich, ob der Song taugt. Das ist ein Kurzschluss, und ich bin ihm oft genug aufgesessen. Zwei Sekunden Video lassen sich messen. Ob ein Song trägt, ob eine Zeile stimmt, ob jemand nachts damit alleine im Auto sitzt — das nicht.

Ich habe eine Zahl optimiert und dabei geglaubt, ich optimiere meine Musik. Das sind zwei verschiedene Dinge, und ich habe ziemlich lange gebraucht, um sie auseinanderzuhalten.

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